Antelope Canyon: Yaátéeh doo´Ahe´hee´Nihaa´tsoh´kai – Ein Reisebericht

Pünktlich um 08.30 stehen wir vor „Antelope Slot Canyon Tours“, wo wir von Chief Tsosie persönlich begrüßt werden. Mit nur 6 weiteren Gästen, Japanern und Koreaner, geht es im Jeep durch viele Kilometer curryfarbenen Sandes zum Canyon, der in Millionen von Jahren durch die Erosion von Wasser und Wind geschaffen worden war. Nach wenigen Metern im Canyon stellt sich das Gefühl ein, eine Kathedrale, einen heiligen Ort zu betreten, der uns alle in ehrfürchtiges Schweigen fallen lässt. Nicht lange halten wir Rastlosen in dieser Ruhe inne, sofort beginnen die Kameras zu klicken, denn die Gier, diese Lichtspiele über samtenen Fels festzuhalten, ist groß. Störend, aber nichts im Vergleich zu dem „Cheese! Thank you“, das bei jedem Abdrücken aus der Kamera des Koreaners erklingt! Wie gerne wäre ich allein auf diesem heiligen Boden, um der Stille zu lauschen und die Wärme der Sonnenstrahlen aufzusaugen, die diesen Canyon in einen orange-gelb-rot leuchtenden Tempel verwandeln! Doch Chief Tsosie spielt für uns noch die Flöte und macht uns auf die unglaubliche Akkustik zwischen den schmalen Felswänden aufmerksam, ergreift immer wieder unsere Kameras, um uns die besten Aufnahmen zu schießen, und schon müssen wir den Rückweg antreten.

Zurück in Page verabschieden wir uns alle von Chief Tsosie. Die Japaner und Koreaner hetzen zu ihrem nächsten Ausflug am Lake Powell, wir danken dem Häuptling für die Führung. „Habt Ihr am Abend Zeit für eine Navajo-Erfahrung?“ Mit dem Arm zeigt Chief Tsosie auf das riesige Gebiet, das sich hinter Page erstreckt und wo das Reservat der Navajos beginnt. Ja, ja, ja!

Es ist 19.00, die Sonne hat ihren Weg hinter den Horizont angetreten und wir fahren im Jeep des Chiefs über rosafarbene Dünen ins Hinterland. Immer wieder schaut er uns prüfend an, ob sich Angst in unseren Gesichtern spiegelt – die Nacht ist angebrochen, die Lichter von Page sind in weiter Entfernung verschwunden, Straßen gibt es in dieser Wildnis schon lange nicht mehr. Doch Chief Tsosie hält erst an, als es wirklich finster ist. Wir steigen aus, Stille und die Dunkelheit einer mondlosen Nacht empfangen uns. Vor uns eine Hundert Meter hohe Felswand, nach wenigen Schritten können wir einen schwarzen, senkrechten Spalt erkennen. Nur zaghaft finden unsere Füße ihren Weg über die Felsblöcke, doch dann spüren wir weichen Sand unter uns. Wir sind in einem Canyon. Links und rechts von uns schmiegen sich die Felswände nahezu aneinander, ihre Bögen und Wellen scheinen sich in einem Tanz miteinander zu befinden. Unsere Hände tasten sich entlang der ausgeschwemmten Rundungen und treffen auf glatten, samtenen Stein. Bedächtig dringen wir immer tiefer in den Canyon ein, langsam finden Füße und Hände Sicherheit in der Dunkelheit des Canyons. Ich frage mich, welche Gedanken mein Partner haben mag. Es ist stockdunkel, und wir sind mit einem fremden Menschen in der Wildnis, in einem Canyon, den wir nicht kennen und von dem ich nur ahnen kann, wie tief er plötzlich abfallen kann. Doch diese Gedanken sind schnell vertrieben von einem sehr raren Gefühl: Vertrauen. In der Stille der Nacht folgen wir unserem Führer und spüren es. Das Vertrauen in ihn, in uns, in die Natur.

„Setzt Euch hier hin. Das ist der Platz, wo ich meine Sandmassagen mache.“ Es ist ein Blitzgedanke, aber er ist da: Klapperschlangen und Skorpione. Aber meine gut trainierte Logik hat in dieser Umgebung keine Chance. Entspannt lasse ich mich in den Sand fallen, forme mir mit meinem Körper ein weiches Bett und schaue empor. Der Große Wagen ist zum Greifen nahe, meine Hand streckt sich empor, als wollten die Fingerspitzen die Sterne berühren. Nur langsam nehmen meine Augen das wahre Ausmaß des Himmelzeltes wahr: die Milchstraße, abertausende Sterne, der Satellit, der sich seinen Weg zwischen den Sternen zu bahnen scheint, bis er schließlich in der Wölbung des Horizontes verschwindet. Und dann, eine Sternschnuppe, die wir alle im selben Augenblick sehen.

„Seid Ihr bereit für eine Sandmassage?“ Nun kommt doch die Vernunft wieder zum Vorschein, denn wir müssen Morgen um 04.00 aufstehen. Der Chief schweigt angesichts unserer Bedenken. Und mir ist bewusst, wie unhöflich es ist, sein Geschenk nicht anzunehmen. Ich schaue in den Himmel und die Gedanken fordern wieder ihren Weg in mein Bewusstsein. Lichtverschmutzung wird es genannt, wenn man vor lauter Stadt- und Straßenbeleuchtungen den Himmel nicht mehr sieht. Gibt es eigentlich für den Lärm, den wir täglich produzieren, auch ein Wort? Bevor sich in meinen Gedanken Staus, Handys, TV, Computer und unzählige andere noch festsetzen können, bietet mir Chief Tsosie eine Fußmassage an, die ich dankend annehme. Schnell sind Schuhe und Socken in den Sand geworfen und die Hose bis zum Knie hinaufgerollt. Ich liege in meinem weichen Bett, und als der feine Sand über mein Schienbein fließt, löst er in mir ein Prickeln aus, das ich bis in die Haarspitzen empfinde. Sand fließt und fließt, und mit ihm mein Zeitempfinden. Ich schließe die Augen und übergebe mich dem wohligen Gefühl. Dann reibt Sand über meine Fußsohlen und ich spüre meine Schwachstellen entlang der Innenseite. Sand reibt weiter und weiter, als wolle er Gifte aus meinem Körper saugen. Sand wie Seide, Sand wie warmes Wasser.

Während mein Partner massiert wird, an Fußsohlen, Rücken und Brustkorb, liege ich weiterhin in meinem Sandbett. Ich kann mich nicht erinnern, je solch eine Stille gehört zu haben. Ich schaue in den Himmel und fühle mich zugedeckt vom Himmelszelt, das gleich über den Canyons zu beginnen scheint. Die Erde als Bett, der Himmel als Decke, und das Gefühl, dass alles in Ordnung ist.

Mich versetzt eine Reise durch den Südwesten der USA immer wieder in sprachloses Staunen. „When God created the world, he spent some extra time on the Southwest“, wird gerne erzählt. Eine vielfältige Canyon- und Monolithenwelt, wie man sie sonst nirgends auf der Welt findet. Doch zu einem wirklichen Erlebnis wird so eine Reise erst durch den Kontakt zu den Ureinwohnern, den Indianern. Eine Nacht im Hogan, ein Abend am Lagerfeuer mit indianischem Tanz, ein Sonnenaufgang im Monument Valley mit dem Navajo Harold, das Flötenspiel von Chief Tsosie im Antelope Canyon. Erst dadurch wird die gigantische Steinwelt des Südwestens belebt und lässt den Besucher reich an persönlicher Erfahrung die Heimreise antreten.

Quelle: www.goldenage.eu/goldenage/
Donovan Hanley - Übersetzung
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